Leser_innenbrief zur unserer Kritik der Drogenpolitik

Im November 2008 erreichte uns folgender Leser_innenbrief zu unserer Kritik der Drogenpolitik.

Unsere Antwort darunter.

P. schreibt:

Eure Forderung nach kategorischer Drogenfreigabe ist nach einigem Nachdenken nicht von der Hand zu weisen. Denn wenn es darum ginge, die Gesellschaft vor gefährlichen Substanzen zu schützen, dann müsste eigentich in erster Linie der Alkohol im Visier des Gesetzgebers liegen. Mich wunderts eigentlich eh, warum in unserer kapitalistischen Gesellschaft Koks, Speed und Heroin noch verboten sind, würden sie doch die Menschen glücklich, egozentrisch und arbeitswillig halten. Ich hab nur ein Riesenproblem mit eurem vielzitierten \"Hedonismus\". Was soll das? Gerade als \"junge linke\" solltet ihr doch die Grundprinzipien des Kapitalismus durchschauen. Solange man dem Hedonismus frönt, wird kein positiver gesellschaftlicher Wandel möglich sein. Denn hier sucht der Mensch etwas, das auf diesem Wege für ihn nicht zu erreichen ist. Der Ursprung alles Leids ist die Gier, hat ein sehr weiser Mann einmal gesagt. Die Leere im Leben vieler Menschen ist ein Loch ohne Boden und daher nicht zu füllen, da muss man sich was anderes einfallen lassen. Erich Fromm (der in seinen Büchern Humanismus, Sozialismus und östliche Weisheit verknüpft hat) hat dieses grundsäztliche Problem der menschlichen existenz in sehr eindrucksvoll geschildert (Haben oder Sein, die Kunst der Liebens) peace

Unsere Antwort:
Hallo P.,

erstmal vorweg: auch Koks, Speed und Heroin machen nicht automatisch "glücklich, egozentrisch und arbeitswillig". Aber selbst wenn das so wäre: Der Staat organisiert ja erstmal Kapitalismus und will in der Tat, dass die Leute darin funktionieren: als Kapitalisten, als Arbeiter, als gute Nationalisten (weiterlesen dazu im jl-Text Was ist Nationalismus?) und vieles mehr. Die Leute sollen diese Aufgaben auch wahrnehmen, indem sie jeweils ihre eigenen, kapitalistisch überformten Interessen verfolgen. Nur: ob sie dabei glücklich werden oder nicht, interessiert den Staat meist erst negativ, nämlich dann, wenn's
Aufstände gibt und er so ein Problem am Hacken hat. (Wir sind uns nicht ganz sicher, was du mit glücklich meinst - schreib das im Zweifelsfall doch einfach nochmal genauer.)

Dadurch, dass man im Kapitalismus überhaupt nur die Chance hat, zum Zug zu kommen, wenn man die eigenen Interessen verfolgt (und damit eigentlich immer andere schädigt) ist hier "egozentrisches Verhalten" ganz schön nahe gelegt.
Zur Arbeitswilligkeit bringt einen der ökonomische Zwang, alle Bedürfnisse nur mittels Geld befriedigen zu können. Da braucht einen ein Staatsbeamter gar nicht erst zur Arbeit zwingen - auch wenn der Staat diesen Zwang einrichtet, indem er das Eigentum setzt als Voraussetzung für jegliches Produzieren. Der Staat direkt macht einem "nur" Druck, wenn man seine Sozialleistungen in Anspruch nimmt.
Das hat aber mit der Drogenzulassung erstmal nichts zu tun. (Damit ist das Verbot oder die Erlaubnis von konkreten Stoffen noch nicht erklärt - das ginge nur in der historischen Darstellung.)

Aber nochmal grundsätzlicher: das Verrückte ist doch, dass die Leute gar keine bewusstseinsverändernden Substanzen brauchen, um sich das Mitmachen im Kapitalismus nicht als widerliche und vorläufige Notwendigkeit zum Überleben zu denken, sondern diese ganzen Gemeinheiten auch noch gut finden.

Mit Hedonismus meinen wir einen positiven, lustvollen Bezug auf die eigenen (auch, aber nicht nur materiellen) Bedürfnisse. Wir meinen, das kann für alle und so richtig erst in einer Gesellschaft gehen, deren Produktionsmittel genau zur Bedürfnisbefriedigung produziert und eingesetzt werden. Unter den bestehenden Verhältnissen wird mit Hedonismus das Verfolgen der eigenen, meist materiellen Bedürfnisse verstanden und meist kritisiert als ein Prinzip, das der Konsumgesellschaft auf den Leim geht. Keine Frage, heutzutage soll und muss man seinen eigenen Interessen nachgehen, weil alles danach funktioniert. Aber das heißt nicht, dass es schlecht ist, sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern - vielmehr ist beschissen, dass das Leute nur mit Geld tun können und das bei (fast) allem auch müssen.

Wir meinen, eine Kritik am Wohlfühlen - ob am Strand, beim Musikkonsum abgespielt auf einer guten Anlage oder sonstwas - verkehrt Grund und Folge: nicht dass es sich Leute überhaupt noch gut gehen lassen wollen, ist das Problem - im Gegenteil: wir wären froh, wenn das der Ausgangspunkt wär und kritisieren, dass einen hier soviel daran hindert. Ein anderer Mann hat ein weises Argument gebracht: Der Ursprung ganz schön vielen Leidens ist die Selbstverwertung des
Wertes. Leute krepieren an Hunger (und ganz sicher nicht an Gier), weil sie kein Geld für den Broteinkauf haben. Weil nicht produziert wird, damit alle satt werden, sondern damit aus Geld mehr Geld wird.

Deswegen betonen wir Hedonismus so, weil's ums Wohlergehen der Leute gehen soll.

Individuelle Grüßen,
Simona.




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